So wie Du gefaltet bist, so fliegst Du

Fachtagung zur Ursache und Wirkung der Bindung

Die Fachtagung will Profis, die im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe tätig sind und Interesse an einem notwendigen Paradigmenwechsel haben, neue Zugänge aufzeigen, wie sie gemeinsam mit Familien wirksam werden.

Mit Hilfe der Reflexion eigener bindungsrelevanter Anteile in der Kommunikation, des Nutzens der Mensch-Tier-Beziehung und der bedingungslosen Beteiligung der Eltern an der Erziehungshilfe, kann es gelingen, die Kinder- und Jugendhilfe als einen sicheren Ort für Familien wahrzunehmen.

Wir wollen mit der Fachtagung den Beweis antreten, dass Erziehungshilfe mehr sein kann, als eine Improvisation menschlicher Helferimpulse, nämlich eine wissenschaftlich beforschte, theoretisch fundierte, sowie empirisch nachweislich wirksame Initiative, welche die Gesundheit psychosozial beträchtlich belasteter Familien etabliert.

TAGUNGSPROGRAMM

08:30      Eröffnung

09:00      Ursache und Wirkung von Bindung in der Kinder- und Jugendhilfe. Prof. Dr. Henri Julius

10:30      Pause

11:00      Die Kinder- und Jugendhilfe ist auf den Hund gekommen! – Die positiven sozialen Einflüsse eines Hundes auf das soziale Verhalten und soziale Klima von Kindern in sozialtherapeutischen Wohngruppen. Dr. Andrea Beetz, Dipl.-Psych; Dr. Kurt Kotrschal

13:00      Pause

13:30      Epigenetik des Gehirns - Wie Erfahrungen unsere Persönlichkeit verändern. Dr. rer. nat. Peter Spork

15:00      Pause

15:30      Sozialpädagogische Familiendiagnosen – Ein Beteiligungsvorschlag für Fachkräfte und Familien zur Fundierung bindungsgeleiteter Elternarbeit. Dipl.-Psych. Stephan Cinkl, Mag. Karoline Weiß, MBA

17:00      Pause

17:30      Ende der Fachtagung


Moderation: Mag. Tarek Leitner


NÄHERE INFORMATIONEN ZU DEN VORTRÄGEN: 

Ursache und Wirkung von Bindung in der Kinder- und Jugendhilfe

Entwicklung vollzieht sich in Beziehungen. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse der letzen beiden Dekaden in der Psychologie. Was aber, wenn die Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern nicht gelingen? Dies ist eine Erfahrung, die wohl alle Kinder in der Heimerziehung erleiden mussten und die letztlich zur Fremdunterbringung geführt hat. Welche Auswirkungen haben solch nicht-gelingende Beziehungen auf die Entwicklung eines Kindes? Aus bindungstheoretischer Sicht spiegeln sich die Beziehungserfahrungen von Kindern mit ihren primären Bezugsfiguren in den verinnerlichten Beziehungskonzepten der betroffenen Kinder wider. Kinder, die eine gestörte Beziehung zu ihren Eltern haben, weil sie von ihnen  zurückgewiesen, vernachlässigt, überbehütet oder gar misshandelt, misbraucht oder getrennt wurden, entwickeln in der Regel unsichere oder desorganisierte Bindungsmuster. Diese unsicheren Bindungsmuster stehen in einem ursächlichen Zusammenhang zu einer großen Bandbreite von psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters. Diese Störungen, die im Kontext von Beziehungen entstanden sind, lassen sich, so der Tenor dieses Vortrages -  tiefgreifend nur wieder im Beziehungskontext beheben. Dabei kommt den Heimerzieherinnen und Heimerziehern als alternativen Bindungsfiguren eine zentrale Bedeutung zu. 

Ist die Kinder und Jugendhilfe auf den Hund gekommen? 

Tiergestützte Interventionen, insbesondere mit Hunden, erfreuen sich in der Sonderpädagogik in Schule und stationärer Jugendhilfe immer größerer Beliebtheit. Die durch Studien belegten Effekte von Tieren auf Menschen, welche in diesem Kontext genutzt werden, reichen von der Reduktion von Angst, Aggression, Stressreaktionen und depressiven Symptomen bis zur Förderung von Vertrauen, sozialen Interaktionen und Kommunikation. Insgesamt können Tiere das pädagogische Geschehen effektiv unterstützen bzw. zu den notwendigen guten Rahmenbedingungen beitragen, wie erste Untersuchungen mit Hunden in der stationären Jugendhilfe dokumentieren.

Epigenetik des Gehirns - wie Erfahrungen unsere Persönlichkeit verändern

Warum verändern Erziehung, Ernährung, Misshandlung, Beziehungstraumata, Sport oder Erfahrungen im Mutterleib unser innerstes Wesen? Warum prägt das psychosoziale Umfeld die Persönlichkeit und Krankheitsanfälligkeit eines Menschen für den Rest seines Lebens? Welche Auswirkung haben Geborgenheit, Fürsorge und soziale Unterstützung auf psychotraumatisierte Kinder und deren Eltern? Warum sind wir keine Marionetten unserer Gene? Antworten liefert die neue Wissenschaft der Epigenetik. Sie zeigt, dass der Stoffwechsel des Gehirns wandelbar ist – und damit auch die Art, wie Menschen mit ihrer Umwelt interagieren. Die Persönlichkeit ist immer das gemeinsame Resultat aus dem Zusammenspiel tausender Gene mit den epigenetisch gespeicherten Einflüssen der Umwelt auf die Genregulation. Diese völlig neue Erkenntnis macht die alte Diskussion überflüssig, welche unserer Eigenschaften ererbt ist und welche anerzogen. Denn die Umwelt – also auch das Handeln von Eltern, Pädagogen und Erziehern – verändert permanent die Arbeit des genetischen Erbes und umgekehrt.

Sozialpädagogische Familiendiagnosen - Ein Beteiligungsvorschlag für Fachkräfte und Familien zur Fundierung bindungsgeleiteter Elternarbeit

Die Elternarbeit in den Erziehungshilfen hat immer mit einem Spannungsfeld verschiedener Bindungen der Kinder zu tun. Insbesondere in den stationären Hilfen binden sich Kinder an Professionelle mit der Folge eines strukturellen Konkurrenzverhältnisses zwischen den Herkunftseltern und neuen Bindungspersonen. Sozialpädagogische Familiendiagnosen und Sozialpädagogische Diagnosen für Kinder und Jugendliche sind diagnostische Instrumente, um auszuloten, welche Personen tatsächlich „Signifikante Andere“ für Kinder darstellen. Im Zentrum steht dabei der sozialpädagogische Begriff der „Sorge“ und die Definition der Familie als „Fürsorgegemeinschaft“, in der es in erster Linie um konkrete Fürsorgehandlungen geht und deren Realisierbarkeit entscheidend von den Lebensverhältnissen der Kinder, Jugendlichen und Familien abhängt. Insofern muss eine bindungsorientierte Elternarbeit auch immer die „Lebenswelt“ von Familien erfassen.

Kursinformationen drucken